Ein Tag für den Ötztaler fängt früh an. Nach einer kurzen und unruhigen Nacht war es dann so weit: 4:30 Uhr, der Wecker hat geläutet und ich durfte endlich aufstehen! Kurz mal frisch machen, etwas Warmes drüber ziehen und dann gleich zur Startaufstellung.Der Startschuss fällt zwar erst um 6:45 Uhr, aber ich wollte auf keinen Fall aus dem hinteren Bereich starten! Da ich schon gehört habe, dass die ersten 30 km immer eine sehr hohe Sturzgefahr darstellen, wollte ich möglichst weit vorne beginnen. Elias, mein älterer Sohn, war auch mit aufgestanden und begleitete mich brav zur Startaufstellung. Im Dunklen rollten wir zur Aufstellung und wir waren nicht die ersten!
Um die 200 Starter waren schon vor uns im Startblock! Elias sicherte also meinen Startplatz und ich fuhr nochmal zurück zum Wohnmobil um eine Kleinigkeit zu frühstücken. Als ich wieder zurück an meinem Starplatz kam, war auch schon Thomas Andorfer neben Elias in der Startaufstellung. Thomas und ich wollten zusammen starten und solange beisammen bleiben wie es passt. Langsam wurde es hell und die Augen von Elias immer größer…und nicht nur seine! Überall nur noch Rennradfahrer, Zuschauer, die Hubschrauber kreisten über unseren Köpfen. Ein Interview nach dem anderen mit ehemaligen Profisportlern wie Jan Ullrich, Andi Goldberger usw. schallte aus den Lautsprechern.
Endlich der Startschuss!
Es dauerte, bis sich das Feld auch bei uns in Bewegung setzte. Noch eine kurze Verabschiedung von Elias und dann ging es los! Mit gehörigem Respekt ging es talwärts. Immer wieder schossen ein paar Übermotivierte mit viel zu hoher Geschwindigkeit ganz knapp an einem vorbei. Man hörte immer wieder Aufschreie von Fahrern, die geschnitten wurden oder nur knapp einem Sturz entgingen. Einmal ist es dann doch kurz vor uns passiert. Vier bis fünf Fahrer lagen auf der Straße. Gott sei dank waren wir nicht betroffen und erreichten heil den Anfang des erste Passes zum Kühtai! Locker, aber doch zügig, fuhren wir die ersten Kilometer den Pass hinauf. Wir überholten einige Fahrer, darunter auch eine hübsche blonde Dame aus dem Bulls Tour Team und Thomas erzählte mir, dass diese ihm auf der letztenTransAlp einiges an Zeit abgenommen hatte. Alles kein Problem, nur nicht jetzt schon zu viele Körner lassen war das Motto.
Gemeinsam kurbelten wir uns den Pass in die Höhe.
Um so näher wir dem höchsten Punkt kamen, waren auch um so mehr Zuschauer da, die uns wie wild anfeuerten. Der Puls erreichte das erste Mal den roten Bereich und die erste Verpflegungsstation wurde gleich links liegen gelassen. Nur keine Zeit verlieren, die Rückentaschen waren noch gut mit PowerBar Riegeln gefüllt und eine große Trinkflasche noch ganz voll. Also endlich mal eine voll abgesperrte Straße mit dem Rennrad runter heizen. Geeeiiilll!!! Der Tacho ging dann gleich an die drei Stellen vor dem Komma ;-)! Immer wieder schön die Kurven in der Ideallinie durchgezogen und einen Fahrer nach dem anderen überholt. Die Gedanken, was passiert wenn man mit über 100 Km/h auf 24mm breiten Reifen über ein Weidegitter rast, machte ich mir da gar nicht. Bis zu dem Zeitpunkt als ein komplett Irrer bei über 100 km/h ganz knapp an mir vorbei raste. Da fiel es mir wieder ein, was ich Elias und meiner Frau versprochen hatte: Ich komme gesund wieder heim! Also zügig, aber immer noch mit genügend Sicherheit den Berg hinunter.
Unten im Tal angekommen, stellte ich fest, dass Thomas nicht an mir dran geblieben ist und ich in einer ca. 10 Mann starken Gruppe das Flachstück nach Innsbruck in Angriff nehmen musste. Ein paar hundert Meter voraus sah ich eine richtig große Gruppe. Da muss ich hin, dachte ich mir und erhöhte deutlich das Tempo in unserer Gruppe. Es zog nur keiner mit und ich machte den Windschatten und die ganze Führungsarbeit alleine. Nicht mit mir, dachte ich mir und setzte nach einer 90 Gradkurve zur Attacke an. Schnell war ich alleine auf der Flucht nach vorne. Einen Mitstreiter gabelte ich während meiner Aufholjagd auf, der gut mit mir zusammenarbeitete. Nach ein paar Minuten am Anschlag erreichten wir vor Innsbruck die Gruppe! So, jetzt nur nicht aus der Gruppe fallen bis wir den Brenner erreicht haben, dachte ich mir. Die ca. 30 km lange Auffahrt zum Brenner ist nämlich der einzige Abschnitt wo man in der Gruppe wirklich Kraft sparen kann. Dies wurde mir immer wieder im Vorfeld erzählt. Durch Innsbruck durch waren immer wieder viele Zuschauer am Straßenrand die uns anfeuerten und das Tempo wurde etwas langsamer.Am Fuße des Brenners stellte ich fest, dass meine Mühe, die Gruppe zu erreichen umsonst gewesen war. Viele kleine Gruppen konnten von hinten aufschliessen und ich hätte die Gruppe auch mit weniger Krafteinsatz erreichen können. Ein Gutes hatte es aber, Thomas konnte die Gruppe auch erreichen und wir starteten gemeinsam den Anstieg zum Brenner.
An den etwas steileren Stücken wurde das Tempo immer wieder verschärft und die Gruppe wurde Stück für Stück kleiner. Ich konnte mich aber immer in der Gruppe halten und erreichte die zweite Verpflegungsstation bei km 121 und einer Fahrzeit von knapp unter 4 Stunden. Die Gruppe zerfiel dort komplett, da viele schon vorher durch ihre persönlichen Helfer verpflegt wurden und einfach weiter fuhren. Ich stellte mich an der Verpflegung an um die Trinkflaschen und die Rückentaschen mit Gels zu füllen. Als ich an der Reihe war, stellte ich fest, dass an dem Ausschank nur Red Bull oder Wasser zu Verfügung stand. „ISO gibt’s gegenüber“ hat mir der nette Helfer mitgeteilt. Kurz überlegt, geschaut, die ersten meiner Gruppe schwangen sich schon wieder Richtung Sterzing in die Abfahrt. Dann gibt’s halt Red Bull mit viel Wasser und los ging`s wieder mit High Speed Richtung Sterzing.
Die Abfahrt vom Brenner war nicht sehr spektakulär und so erreichte ich den Anstieg auf den Jaufen wohlgenährt und mit dem Vorsatz, den Puls immer unter Kontrolle zu halten. Schnell musste ich feststellen, dass ich zwar den Puls unter Kontrolle hatte, aber alle anderen schneller den Berg hochfuhren als ich. Nach einer halben Stunde im Berg merkte ich auch, dass die Beine schon ziemlich müde wurden. Als mich dann auch noch die blonde Dame vom Bulls Tour Team überholte, stellte ich mir das erste mal die Frage, ob ich vielleicht doch etwas zu schnell die ganze Sache begonnen hatte. Ich kämpfte mich den Berg bis zur Verpflegungsstelle hoch und freute mich schon auf frisch gefüllte Trinkflaschen, da die Hitze schon etwas unangenehm wurde.
Die Abfahrt vom Jaufen war ein Traum. Der Krankenwagen, der mit Blaulicht und Martinshorn anfangs noch dicht hinter mir talabwärts fuhr, wurde zwar immer leiser aber er rief mir auch wieder ins Gedächtnis, was ich meinen Liebsten versprochen hatte. Unten angekommen war ich nicht so erholt wie ich es mir vorgestellt oder gewünscht hatte. Die Beine, und auch die Arme, schmerzten schon ziemlich und ich wusste nicht wirklich, was mit dem Timmelsjoch noch genau auf mich zukommen würde. Also locker den Berg rauf radeln dachte ich mir. Und als ich auf die Fahrzeit schaute, knapp über 6 Stunden, war alles super. Drei Stunden Zeit für die letzten 55 km bis ins Ziel. Das ist doch ein Klacks und die 9 Stunden Marke wäre geschafft! Schnell hatte ich aber den kleinsten Gang meiner 52-36 und 11-28 Übersetzung erreicht und das Bewegen der Kurbel wurde immer mehr zu einem Kraftakt. Die Abwechslung zwischen Stehen und sitzend Fahren wurden immer mehr zu einem Ritt auf der Rasierklinge. Die Gefahr, einen ausgewachsenen Krampf im Oberschenkel zu bekommen, war schon sehr groß. Alle neben mir fuhren schneller als ich und meine Motivation sank rapide nach unten. Nach einem kurzen Flachstück erreichte ich die nächste Verpflegungsstelle. Fix und fertig und gerade noch so ohne völlig zu verkrampfen stieg ich vom Fahrrad ab und legte meine längste Pause von 3 Minuten an diesem Tag ein. Ein Mitleidender neben mir fragte nach Magnesium an der Verpflegungsstelle.
Das war die Lösung all meiner Probleme. Magnesium
Ja Magnesium das hilft gegen meine Krämpfe. Also verschlang ich auch Magnesium und noch ein Gel hinterher. Beim Losfahren von der Verpflegungsstation folgte mein Blick dem Straßenverlauf und mir stockte der Atem. Ein Anblick des Grauens, wie sich die Straße die nächsten Kilometer den Berg hoch schlängelte. Da soll ich heute noch hoch, fragte ich mich? Augen zu und durch, nur immer von Kurve zu Kurve denken war meine Überlebensstrategie. Es ging mir jetzt auch erstaunlich gut nach der kurzen Pause. Ich konnte erstmals wieder Fahrer überholen. Doch dieses Gefühl hielt nicht lange an und die beginnenden Krämpfe waren wieder da. Das Ziel, in 9:00 Stunden ins Ziel zu kommen, war mir in diesem Augenblick völlig egal. Ich versuchte nur irgendwie, mit meinem Radl auf diesen verfluchten Berg zu kommen, diesen runter zu fahren und mir dann eine andere Sportart zu suchen. Nun bemerkte ich aber auch, dass die Leute, die am Straßenrand standen, saßen und lagen, nicht alles Zuschauer waren, sondern auch Fahrer die völlig am Ende waren. Das Ziel „unter 9 Stunden“ war in so weiter Ferne für mich, dass ich mir ein neues Ziel suchen musste.
ICH STEIGE BIS SÖLDEN NICHT VON DIESEM SCHEIß FAHRRAD AB
war das neue Ziel! Nun erreichte ich für mich überraschend schon die letzte Verpflegungsstation. Also nochmal Magnesium, Red Bull und ein Gel, dann wieder weiter die letzten Meter! Das Absteigen war sowieso nicht mehr möglich, da ich den Fuß nicht über den Sattel bekommen hätte, ohne eine Krampf zu bekommen. Und wie ein Marienkäfer am Rücken zu liegen wollte ich vermeiden. Ein nettes kleines Mädchen versorgte mich vorbildlich und brachte mir alles was ich brauchte, so dass ich nicht absteigen musste. So, jetzt geht der Kampf gegen den Berg in die letzte Runde, dachte ich mir und trat mit letzter Kraft in die Pedale. Unter dem Wegfahren fragte ich noch, wie weit es bis ganz nach oben ist. Nach meinem Streckenplan konnte es nicht mehr weit sein, da die letzte Verpflegungsstelle kurz unter der Passhöhe eingezeichnet war. Die Antwort kam prompt von einer fröhlichen, netten Stimme:
NUR NOCH 7 bis zur Passhöhe!
Diese Antwort traf mich im ersten Augenblick, als ob mir einer eine Schaufel an den Kopf geschlagen hätte. Ich kann, ich mag, ich will nicht mehr! Sollte ich mal ein Stück schieben? Das taten nämlich schon einige neben mir. Nein, da war wieder mein Ziel: ICH STEIGE NICHT AB! Und so stöhnte ich mich bei jeder Kurbelumdrehung nach oben. Unter den aufmunternden Anfeuerungen der Zuschauer kämpfte ich mich nach oben. Als ich irgendwie oben angekommen war, stellte sich mir jetzt die Frage: Wie soll ich da bloß wieder heil runter kommen? Die Arme schmerzten und krampften mindestens so stark wie meine Beine. Also wieder: NUR NICHT ABSTEIGEN! Jetzt aber mit einem anderem Hintergedanken. Die Abfahrt wäre ein Traum gewesen wenn ich nicht so fertig gewesen wäre. Nach dem kurzen Gegenanstieg auf der Abfahrt ging es dann wieder zügig den Berg hinunter und jetzt war der Ehrgeiz, den einen oder anderen noch zu Überholen, wieder geweckt. Als ich kurz vor Sölden wieder mal auf meinen Tacho schaute und merkte, dass ich gar nicht so weit weg von meinen angepeilten neun Stunden bin, war alles wieder in bester Ordnung.
Im Ziel angekommen war es ein tolles Gefühl, es geschafft zu haben! Ich bin schon einige Rennen in den letzten paar Jahren gefahren und kann sie schon gut vergleichen. Ob der Ötztaler wirklich der schwerste Radmarathon ist, den ich bis jetzt gefahren bin, weiß ich gar nicht. Es war aber bis jetzt der einzige, bei dem ich mich im Ziel als Gewinner fühlen durfte. Das war wirklich das Besondere daran. So, die ersten Tage sind nach dem Ötztaler vergangen. Rennrad gefahren bin ich auch schon wieder. Eine andere Sportart suche ich mir wider Erwarten doch nicht und wenn sich die Möglichkeit ergibt, starte ich das nächste Mal wieder beim Ötzi!
Startzeit 6:47.02,5
Zielzeit 15:55.23,0
Fahrzeit 9:08.20,5
Durchschnitt 26,042 km/h
Rang Gesamt 681.
Rang Kategorie 384.

