
Übergewichtig und träge, wahrhaft kein geborener Sportler. Wer den Christian von früher kennt, hätte nie geglaubt, dass aus dem Koloss einmal ein spitzen Rennfahrer wird. Denn Christian Schmid, Verkaufsleiter bei Zweirad Würdinger Passau, war zweidrittel seines Lebens dick und unsportlich. „Ja, ich wog weit über 100 Kilo und habe auch nie so richtig versucht abzunehmen“, erinnert er sich. Doch vor rund zehn Jahren wurde das Schwergewicht zutiefst verletzt. Er war im Freibad und wollte vom 1-Meter-Brett springen, als kleine Kinder sich zuriefen: „Vorsicht, der Bomber kommt.“ Das war der Moment, als sich bei Christian etwas änderte. „An diesem Nachmittag machte es bei mir Klacks. Ich wusste, dass ich was machen muss. Und zum ersten Mal wollte ich es auch.“
Arzt spricht Laufverbot aus
Doch eben mal weniger essen und ein bisschen sporteln reichte nicht aus. Christian brauchte einen richtigen Plan, streng und doch so, dass er ihn auf Dauer umsetzen kann. Er zog seinen Arzt zu Rate. „Dieser hat mir verboten zu laufen. Ich war so schwer, dass ich mir damit die Gelenke ruiniert hätte. Also kaufte ich mir ein Rad. Ich erinnere mich noch genau daran, es war ein 26 Zoll Alu Fully“, erzählt er. Christian stellte seine Ernährung um, aß viel weniger und bewusster. Zusätzlich radelte er. Anfangs waren es immer um die 10 Kilometer, dann 15. Als er die 20er Marke knackte, war er mächtig stolz. „Ich musste mich kein einziges Mal zwingen, aufs Rad zu steigen. Es hat mir von Anfang an riesig Spaß gemacht. Ich weiß noch wie ich mich gefreut habe, als ich zum ersten mal 20 km und 300 hm schaffte“, sagt er und lacht.
Doch dabei blieb es nicht. 2012 fand der Mutmacherlauf statt, ein Wohltätigkeitsevent für die Kinderklinik Dritter Orden in Passau. Zwei Läufer quälten sich durch das Madrittschjoch in Sulden. 40 km und 6000 hm! Ein Spezi fragte Christian, ob er die Sportler nicht auf dem Bike begleiten möchte. Der Plan war ursprünglich, dass besagter Kumpel und Christian als Begleitfahrzeuge mitfahren, Regenjacken transportieren und die Läufer mit Getränken versorgen. Das alles in lockerer Laufgeschwindigkeit. Eine gemütliche Sache also. Doch die Realität sah anders aus. Die Strecke war teilweise nicht befahrbar, so dass die beiden Radfahrer ihre Bikes mitsamt der Ausrüstung ihrer „Schützlinge“ tragen mussten. Es war eine unglaubliche Schinderei. „Am Ende haben wir mindestens genauso gelitten wie die beiden Läufer.“
Das Komische: Christian hat nicht eine Minute mit sich gehadert. Selbst in den anstrengendsten Momenten war er mit Freude dabei. „Die Quälerei hat mir sogar Spaß gemacht. Meine Marathonlust war geweckt.“ Und nur knapp ein Jahr später war es dann endlich so weit: Christian startete bei seinem ersten Rennen, dem Kitzbühl Marathon. Wenig später stand Böbrach auf dem Programm, wo er damals noch überrundet wurde und so frühzeitig ausschied. Doch er blieb dran. Und heuer gehörte er zu denen, die durchaus in der Lage sind, andere zu überrunden. 2017 beendete er das Rennen, in dem er sich einst weit vor der Ziellinie geschlagen geben musste, mit einem hervorragenden 2. Platz.
Bei 40 Grad auf dem Bike in den Alpen
Christian wollte immer mehr. Sein großes Ziel: Die Alpen überqueren. Mit dem Kumpel vom Mutmacherlauf und einer Freundin startete er zunächst einen Testlauf. In drei Tagen fuhren sie von Garmisch nach Lana bei Meran. 40 Grad, brütende Hitze und keinerlei Erfahrung machten die Fahrt zu einer Tortur. „Wir hatten viel zu wenig zu trinken, an jeder Wasserstelle machten wir Halt, wir tranken aus Bächen und füllten die Flaschen in unbekannten Quellen auf. Meine Haut war ausgetrocknet und fest. Es war der Wahnsinn. Aber trotzdem habe ich unglaublich viele Eindrücke gesammelt und trotz der sengenden Hitze hatte ich wieder einmal richtig Spaß.“
Somit stand der kompletten Alpencross nichts mehr im Wege. 2016 war es soweit. Mit einem Kumpel machte er sich von Grainau auf nach Riva. In 3 Tagen bewältigten die beiden 400 km und 8000 hm. Schon am Ziel planten sie eine Wiederholung in 2017. Doch Christians Kumpel bekam dann keinen Urlaub. „Ich wollte aber unbedingt wieder fahren. Aufgeben war keine Option.“ Und so packte Christian Wechselkleidung, eine Jacke und etwas Geld ein und fuhr alleine los. Der erste Tag war die größte Herausforderung. Mit 125 km und 4000 hm die absolute Königsetappe. Gegen Abend zog dann auch noch ein großes Gewitter auf, der Regen peitschte regelrecht auf Christian ein. „Ja, das hat irgendwann schon richtig weh getan.“ Aber es wäre nicht unser Christian, wenn er der Situation nicht noch was Gutes abgewinnen würde. „Ich hatte Rückenwind, den habe ich natürlich ausgenutzt, um schneller vorwärts zu kommen.“
Alles in allem war die Single-Cross das großartigste Bike-Erlebnis überhaupt. „Ich war total entspannt, bin mein eigenes Tempo gefahren, habe die Ruhe genossen und den Kopf für drei Tage komplett ausgeschaltet.“
Der Christian von vor zehn Jahren und der Christian von heute sind zwei verschiedene Menschen. Neuer Arbeitsplatz – so einen Fahrradfreak mussten wir uns natürlich gleich schnappen, neuer Körper, neues Hobby. Auf die Frage, ob es schwierig ist, seinen Traumkörper zu behalten, schüttelt er den Kopf. „Naja, ein Traumkörper ist es ja nun wirklich nicht. Da gibt es schon noch andere Sportler. Aber ich fühle mich wohl und kann mittlerweile essen, was ich will. Ich verzichte weder auf Schweinebraten noch auf meine geliebten Gummibärchen. Aber ich mache so viel Sport, dass es egal ist, wie viel ich esse. Klar, wenn ich meine Ernährung aus Diätzeiten beibehalten hätte, wäre ich viel schlanker, vielleicht auch schneller. Aber ich müsste mich zu etwas zwingen, was ich nicht will, ich würde ganz schnell den Spaß verlieren und das möchte ich nicht. Ich lebe und liebe meinen Sport und so soll es auch bleiben.“

